Digitalisierung frisst ihre Kinder und Talente

…oder fressen wir uns selbst?

Unser  Umgang mit Stress und unsere Mentalität wirken destruktiv auf uns und somit auf den Gestaltungsprozess der Digitalisierung.

Was müssten wir tun damit die Digitalisierung nicht zum permanenten Stressverstärker wird?

©liuzishan – stock.adobe.com

Ich war auf einer Digitalisierungsveranstaltung, auf der unter anderem über die zukünftige Arbeitsweise mit Hilfe künstlicher Intelligenz (KI) im Vertrieb referiert wurde. Der spannende Vortrag wurde von einer Software Unternehmensberatung gehalten. Es wurde berichtet wie in Zukunft der Vertriebler schon beim Frühstück sein Arbeitsalltag vorbereiten kann, weil er vernetzt ist mit allen digitalen Werkzeugen, die sein Arbeitgeber seinen Mitarbeitern bereitstellt. Danach setzt sich der Vertriebler in sein autonomes Taxi und fährt zur Arbeit. Weil er nun nicht mehr selbst fahren muss, fordert er die KI-Software auf die Analysen zu einem bestimmten Projekt bzw. Kunden auszuwerten und die Daten bereit zu stellen. Auf der Arbeit angekommen, hat er schon einen Teil seiner Arbeit erledigt.

Besonders die Jüngsten unserer Gesellschaft leiden schon unter unserer gehetzten Welt, die wir ihnen vorgeben. Unter Angst- und Depressionssymptomen leiden laut Studien

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  • 12% der Kinder im Kindergarten[i]
  • 43% der Schüler[ii]
  • 11% der Jugendlichen. 13,6 Prozent fühlen sich als Versager und 47,2 Prozent betrachten sich als „manchmal nutzlos“.

Folgen seien neben Depressionen und Versagensängste ein erheblich erhöhtes Aggressionspotenzial[iii].

Bei den Beschäftigten

  • sieht sich jeder zweite Beschäftigte einem mäßig bis hohem Risiko für Burnout ausgesetzt
  • geht die Hälfte bis zweidrittel mit Rückenschmerzen, Grippe und Durchfall zur Arbeit[iv]
  • sind ein Drittel der Fehlzeiten sowie 50% der Erwerbsunfähigkeiten aufgrund von psychischen Erkrankungen zurück zu führen.

Des Weiteren beenden jedes Jahr 10.000 depressive Menschen über den Suizid ihr Leben, das sind dreimal mehr als Verkehrstote. Wir sind also sicherer auf der Straße als vor dem Stress.

Es erstaunt mich, da die Angebote um seine Lebensqualität zu verbessern doch enorm hoch sind und Unternehmen doch mit Work-Life-Balance werben. Laut Studie vom Deutschen Gewerkschaftsbund[v] sind mit der Digitalisierung die Erschöpfungserscheinungen angestiegen, sowie auch die Burnouts. Die psychischen Belastungen der Eltern spielen eine große Rolle in der Entwicklung der Kinder und steigern die Wahrscheinlichkeit, dass sie als Erwachsene an Depressionen erkranken und den Umgang mit Stress nicht erlernen. Ein Teufelskreis in die nächste Generation.

In unserer heutigen Zeit

…schaffen es laut den genannten Statistiken nicht mehr alle Menschen ihre Stresshormone nach einer stressigen Phase abzubauen bzw. befinden sich sogar im dauerhaften Stress. Obwohl doch bekannt ist, dass regelmäßig Pause machen, Spaziergänge, Sport und Entspannung hilft. Es wird auch empfohlen sich für seine Mahlzeiten Zeit zu nehmen und diese bestenfalls in Gesellschaft einzunehmen. Da sprühen die Botenstoffe nur so- die kleinen Burnout-Präventoren (eine Aussage vom Psychologen Dr. Christian Dogs). Auch kreative und handwerkliche Tätigkeiten können helfen den Stress zu reduzieren. Bei jedem hilft etwas anderes- wir sind Individuen.

Bei einer dauerhaften Stressbelastung verändert sich auch unsere Psyche. Hinzu kommen die vielen körperlichen Reaktionen. Sie macht aus open-minded (offene), narrow-minded (engstirnige) Menschen. Des Weiteren entsteht in unserer Psyche eine Wahrnehmungsverzerrung, die unter anderem die Welt in „richtig-falsch“ oder „gut-böse“ einordnen lässt. Laut dem Hirnforscher Gerald Hüther spart das Gehirn gerne Energie ein, wenn es um Veränderungen geht. Aber auch wenn uns alles zu viel wird und wir zu erschöpft sind. Weiterhin stellt sich in der Psyche schleichend ein Kontaktverlust zu uns selbst ein– und wir merken das alles selbst am allerwenigsten. Wenn wir uns nicht mehr gut spüren können, ist es auch schwer gut in Kontakt mit anderen Menschen zu sein, z.B. mit Kollegen oder Kunden, sowie unserer eigenen Familie, Partner und Freunde. Unter anderem reduziert sich die Empathie Fähigkeit das sich-in-andere-hinein-versetzen-können. Wollen wir das wirklich?

Nun kommt ein innovativer Arbeitgeber auf die Idee seine Mitarbeiter könnten auch noch die Frühstückszeit zur Arbeit hinzu ziehen. Na hoffentlich hat der Vertriebler keine Kinder parallel zu versorgen. Wäre er damit ein gewünschter oder ungewünschter Kandidat für das Unternehmen? Wo bleibt die Empathie Fähigkeit dieser Entscheider? Sind sie auch von Folgeerscheinungen des Stresses betroffen und haben diese verloren? Diese Fragen kamen mir bei dem anfangs genannten Vortrag. Ich war immer der Meinung, dass Work-Life Balance eher zu effizienteren Leistungen, zu motivierten Mitarbeitern und zu weniger Fehlern führen. Fehler ist ein großer Wirtschaftsfaktor, der Unternehmen sehr viel kostet. Bekannt ist mittlerweile, dass Arbeitnehmer mit einem erhöhten Stresspegel- der unter anderem durch Multitasking hervor gerufen wird- in seiner Arbeitsleistung verlangsamt und die Work-Life Balance aus dem Gleichgewicht gerät[vi]. Ist es nicht das Gegenteil, was Arbeitgeber und Arbeitnehmer wollen? Gehen wir künftig wieder Schritte zurück?

Was bedeutet das für den Digitalisierungsprozess?

Durch dauerhaft anhaltenden Stress erfahren wir immer mehr Einbußen in unserer Kreativität, Lösungskompetenz, Empathie, Feinfühligkeit, Teamfähigkeit, strategisches Denken sowie Plan- und Organisationsfähigkeiten. Alles Kompetenzen, die in der Zukunft so essentiell sind, da sie uns abgrenzen zu Maschinen und Algorithmen. Die Berufsfelder von morgen werden maßgeblich durch sie gekennzeichnet sein. Sie sind auch durch eine künstliche Intelligenz noch lange nicht ersetzbar. Gerade unsere Talente im Alter zwischen 25- bis 34 Jahren sind digital gestresster als andere Altersgruppen, so zeigt es die Studie der Universität Augsburg[vii].

Ich bin der Meinung wir sollten alle aufpassen, dass die neuen Technologien nicht wieder allein durch die Entscheider mit den oben genannten Visionen unsere Arbeitswelt gestalten. Dann werden wir unsere Gesundheit und unsere Psyche eher therapieren müssen als sie für die Gestaltung der zukünftigen Welt und ein erfülltes Leben einzusetzen. Digitalisierung geht diesmal uns alle etwas an. Zum ersten Mal haben wir die Chance die Themen zu entrümpeln und neu zu ordnen- nach unseren neuen Werten. Wir sollten uns auch alle mit der Zukunft beschäftigen, weil es unsere Zukunft, unsere Gesundheit und unser Planet ist. Wenn wir wegschauen- in der Hoffnung, dass dieser Hype an uns vorübergeht, dann wird nicht verstanden, was eine Industrielle Revolution bedeutet. In dieser stecken wir gerade mit der Digitalisierung. Sie passiert zur gleichen Zeit überall auf der Welt in allen Lebensbereichen. Das ist ein Ausmaß, wie wir uns es gar nicht vorstellen können. Es mag dem einen oder anderen so vorkommen, als wenn es ein Thema der technik-affinen Menschen ist. Das ist es diesmal nicht. Themen wie Philosophie, Ethik, Sinnhaftigkeit, Nachhaltigkeit, Werte usw. spielen hier eine wesentlich größere Rolle als Technologien. Denn diese Themen bestimmen wie sie eingesetzt werden. Und hier kennen wir uns alle aus- in unserer kleinen und großen Welt.

Welche Werte soll es in Zukunft geben?

Wenn es zukünftig weiter die Gewinn-Ökonomie gibt, wird es nicht gleichermaßen die Gemeinwohl-Ökonomie geben. Bei der Gewinn-Ökonomie ist die höchste Wertigkeit die Gewinnmaximierung und nicht der Mensch und die Nachhaltigkeit. Ich persönlich würde mir wieder verstärkter die letztere Variante wünschen und sehe eine Chance dieses mit der Digitalisierung auch umzusetzen. Damit soll die Gewinn-Ökonomie nicht verpönt werden, aber auf die Dosierung und die innere Haltung kommt es an. Es ist jetzt alles offen und wir haben die Freiheit es zu gestalten, aber wir müssen es auch tun. Wegschauen und weiter machen wie bisher ruft bei mir eher eine Alptraum Stimmung hervor. Die Entscheider in den Unternehmen werden die neuen Technologien eher als Instrument der Gewinnmaximierung sehen, weil wir immer noch dieses System und die Denke haben. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass die oben genannte Studienlage sich bei diesen Voraussetzungen verbessern wird. Es geht an unsere Gesundheit, unsere Kinder und Talente. Mit welchen Werten wollen wir zukünftig leben und arbeiten?

Was könnte jeder einzelne tun?

Wie sagte Götz Werner, der Buchautor, Gründer der dm-Kette und Verfechter des Grundeinkommen: „Wir müssen es nur richtig denken, wir denken bisher falsch“. Als Beispiel führt er an wie 1989 die Menschen der DDR denken konnten, dass die Mauer fallen kann- dann fiel sie auch. Keiner hätte das gedacht. Diese Kraft des kollektiven Denkens brauchen wir noch einmal für einen Kulturwandel und die Gestaltung der digitalen Zukunft damit uns der Stress uns nicht auffrisst. Schreibt mir in den Kommentaren eure Visionen eurer digitalen Zukunft? Denn die ist schon da, ob wir wollen oder nicht. Die Frage ist nur: „Wer sind die Gestalter dieser zukünftigen digitalen Welt und ihrer Werte?“. Lasst es uns sein, indem wir anfangen sie zu denken- so wie sie uns bereichern würde.

Götz Werner sagte einmal …
            SO WIE WIR DENKEN,
            SO WOLLEN WIR AUCH,
            SO WIE WIR WOLLEN,
            SO TUN WIR AUCH.

In meiner gedachten Welt der Zukunft werden wir selbstbewusster und gelassener sein. Nach dem großen Umbruch der Digitalisierung, ein reformiertes Steuer- und Sozialsystem, bekommen- wir, unsere Eltern und unsere Kinder jeweils ein bedingungsloses Grundeinkommen. Das heisst es wird schon bei der Geburt eingeleitet und läuft bis zum Ende unseres Lebens durch- für JEDEN. Wir „Erwerbstätigen“ suchen uns eine Aufgabe, die uns inspiriert und unserem Leben einen Sinn gibt. Ob Ehrenamt oder eine vertragliche Arbeit. Dadurch dass unsere Arbeit nicht zwingend der Lebensunterhaltung und des wirtschaftlichem Wachstums unterliegt, gibt es auch kein Problem Erziehungs- oder Pflegezeiten sowie Pausen in unseren Lebensläufen einzubauen. Wir werden alle diese Möglichkeit haben und sie nutzen, da sogar unsere Rente durch das bedingungslose Grundeinkommen gesichert ist. Es wird für uns keine Folgen wie
Hartz VI, Wiedereinstiegsprobleme, Teilzeitfalle und Armut in der Rente geben. In der Zukunft haben die Unternehmen verstanden, dass sie mit der Ressource Mensch und Umwelt verantwortungsvoll umgehen müssen, weil sonst niemand bei ihnen arbeiten wird. Es gibt ein allgemeines Ranking wie niedrig der Stresslevel in seinem Unternehmen ist (Wohlfühl-Stress-KPI) und wie nachhaltig mit der Umwelt (Umwelt-KPI) umgegangen wird um als attraktiver Arbeitgeber bekannt zu sein.

WENN WIR DAS ALLE DENKEN KÖNNEN, KANN ES AUCH GESCHEHEN.


[i] (Süddeutsche Zeitung Online , 2014)

[ii] Untersuchung der DAK Gesundheit https://www.dak.de/dak/bundes-themen/fast-jeder-zweite-schueler-leidet-unter-stress-1936264.html

[iii] (Ärzteblatt Online, 2015)

[iv] (Betriebliches Gesundheitsmanagement, 2018)

[v] Deutsche Gewerkschaftsbund DGB-Index Gute Arbeit

[vi] Deutsche Gewerkschaftsbund DGB-Index Gute Arbeit

[vii] https://www.boeckler.de/pdf/p_fofoe_WP_101_2018.pdf

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